Allgemein, Gesellschaft und Feminismus

„Du sollst nicht essen“ – #thinspiration als Folge medial präsentierter Körperideale

Da ich momentan (leider) mehr über isländische Dystopien als mein alltägliches Kopfchaos schreibe, kam mir die Idee, einen Beitrag, den ich im Juli 2016 für ein Seminar namens „Sexualität und Medien“ in meinem Medienwissenschaftsstudium verfasst habe, nochmal aufzugreifen. Das Thema #thinspiration war mir ein persönliches Anliegen und ich habe wirklich unglaublich viel positives Feedback erhalten – viel mehr als erwartet! Dafür möchte ich mich an dieser Stelle nochmal bei allen bedanken. Nun für alle, die diesen Betrag noch nicht gelesen haben – bitte schön! Ich freue mich wie immer über Kommentare, vielleicht auch Erfahrungsberichte und falls ihr Fragen haben solltet, könnt ihr euch natürlich jederzeit an mich wenden. Dieses Thema ist mir nämlich alles andere als fremd.
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Wir sehen sie im Fernsehen, in Zeitschriften und im Internet: diese schönen Frauen, die alles zu haben scheinen, was man sich nur erträumen kann. Sie alle sind erfolgreich, begehrenswert und vor allem eins: dünn. Angezogen vom Lebensführungsmodell, das sich durch einen überdurchschnittlich schlanken und in nicht wenigen Fällen gar mageren Körper auszeichnet, folgen viele junge Mädchen dem Beispiel und schließen sich der Pro Ana Bewegung an. Heute ist #thinspiration weitaus mehr als ein Hashtag auf Tumblr und Co.

„If it tastes good – it’s trying to kill you. Starve on.“, schreibt L. am 1. Mai 2015. The Pro-Ana Lifestyle Forever heißt ihr Blog, sie selbst bleibt anonym. Über 500 Kommentare erhält sie auf ihren letzten Blogpost, in dem sie Texte veröffentlicht, die sie sich durchliest, wenn sie der Hunger überkommt. Die Texte beginnen mit „Hey Fatass“ und „You will get fat if you eat today“ und sollen L. und tausenden anderen Mädchen dabei helfen, stark zu bleiben und das Grundbedürfnis eines jeden Menschen nach Nahrung zu unterdrücken. Viele dieser Mädchen bloggen – bei WordPress, bei Tumblr oder bei Weheartit – und nehmen andere Menschen mit auf ihre Reise. Unter dem Hashtag #thinspiration oder auch #thinspo findet man unzählige Bilder von hübschen Mädchen mit extrem dünnen Armen, herausragenden Knochen und den sogenannten thigh gaps – der so begehrten Lücke zwischen den Oberschenkeln.

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http://www.weheartit.com/entry/group/27758914
Pro-Ana heißt das Modell, das eine Lebensführung anbietet, an dessen Ende nicht selten ein bewusster Tod durch Verhungern steht. Das Gedanke dahinter, durch gezieltes Herunterhungern Willensstärke und Disziplin zu beweisen, muss vor allem anderen stehen – besonders vor scheinbar nebensächlichen Komponenten wie der eigenen Gesundheit. Daran erinnern die immer wiederkehrenden 10 Gebote, die der Pro-Ana-Bewegung über den Lifestyle hinaus eine religiöse Anmutung geben. „Dünn zu sein ist wichtiger als gesund zu sein“, lautet das zweite Gebot. „Du sollst nicht essen, ohne dich anschließend schuldig zu fühlen“, besagt ein anderes. Verallgemeinern könnte man die Gebote und damit den Antrieb hinter der stetig wachsenden Pro-Ana-Bewegung wohl mit den Worten: Du bist nur etwas wert, wenn du einen dünnen, perfekten Körper hast und du bist nur stark, wenn du das Bedürfnis nach Essen überwindest, diszipliniert bist – deinen Körper und dich selbst überwindest. Denn dünne Körper sind begehrenswert, man schaue sich bloß mal all die bewundernswert dünnen und erfolgreichen Models an. Schön sind sie, erfolgreich und leicht.
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http:www.weheartit.com/groups/17494759

Dass Medien nicht nur die moralische oder etwa sexuelle Entwicklung junger Menschen beeinflussen, ist längst kein Geheimnis mehr. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass die politische Sozialisation stark an das mediale Umfeld der Personen geknüpft ist. Was jedoch gerade in den letzten Jahren, in denen die weltweite Vernetzung durch neue Medien ein bisher noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht hat, (und damit einen fast uneingeschränkten Zugriff auf sämtliche Inhalte, die in der Öffentlichkeit geteilt werden, ermöglicht) erheblich steigt, ist der Einfluss der allgegenwärtigen Präsenz von Stars und Inhalten, die für den Großteil der Gesellschaft unter die Kategorie „erstrebenswert“ fallen, auf die Identitätsbildung und die damit einhergehende psychologische und vor allem physiologische Entwicklung. Wir versuchen zu adaptieren, was wir als bestrebens- und begehrenswert empfinden und besonders junge Menschen in der Pubertät und (Selbst)Findungsphase lassen sich leicht von medial präsentierten Schönheitsidealen beeinflussen. Berühmte, erfolgreiche und vor allem attraktive Menschen übernehmen in unserer Mediengesellschaft, in der wir uns täglich mit Milliarden an Fotos und geteilten Inhalten konfrontiert sehen, nicht nur die allgemein bekannte Vorbildfunktion, sondern bieten auch eine Art Anker, eine Orientierung und in den vielen verschiedenen Modellen der Lebensführung, denen wir im Alltag begegnen, ein bestimmtes Modell, das anscheinend funktioniert hat und dafür sorgt, dass wir diese Person nun im Fernsehen sehen, wie sie alles erreicht zu haben scheint, wovon der Durchschnittsbürger träumt.

Mit der zunehmenden Mediatisierung von Alltag, sozialen Beziehungen und der eigenen Identität, in der die Betrachtung und Bewertung medial präsentierter Inhalte aufgrund ihrer Fülle und allgemeinen Gegenwärtigkeit oberflächlicher wird, werden junge Mädchen immer häufiger auf verschiedenen Wegen mit einem Körperideal konfrontiert, das meilenweit entfernt ist vom Körperbau des durchschnittlichen Menschen. Besonders fällt dies natürlich bei Werbungen auf, in denen für stereotype „weibliche“ Produkte geworben wird, wie zum Beispiel Parfum, Onlineshops, neue Kleiderkollektionen oder weibliche Hygieneprodukte. Eins haben sie alle gemeinsam: die vorgeführten Frauen werden von den allermeisten Menschen als attraktiv bewertet und haben schlanke (bis hin zu sehr schlanken bzw. dünnen) Körper. Dabei steht der Körper in den meisten Fällen stark im Fokus und fungiert als eine Art Status.
In Zeiten, die mit den Begriffen „Globalisierung“, „Mediatisierung“ und „Individualisierung“ beschrieben werden, stellt der Körper eine Art „Rückzugsort für das Selbst“ dar und birgt Authentizität und Identität und wird gleichermaßen als reflexives Identitätsprojekt aufgefasst (Gugutzer, 2014). Betrachtet man die Kultur, die den Rahmen des Phänomens bildet, praxisorientiert, kann man schlussfolgern, dass medial präsentierte Körperpraktiken und -ideale als Teil eines „doing culture“ verstanden werden kann. (Thomas, 2008). Mit „doing culture“ ist eine theoretische und empirische Neureflexion von Kultur und Gesellschaft gemeint, die eine starke Praxisorientierung aufweist (Hörning/Reuter, 2004). Im Rahmen der Individualisierung, die natürlich auch eine gewisse Neuorientierung mit sich bringt, spielen Wettbewerb, Konkurrenz und Unsicherheit eine ganz entscheidende Rolle und sind mitunter als Hauptgründe anzusehen, weshalb junge Frauen immer noch dem Schönheitsideal des untergewichtigen Körpers entgegenstreben. In dieser oberflächlichen und schnellen Gesellschaft wird der Körper zum Aushang für die eigene Individualität, die Leistungsfähigkeit und den Erfolg. Er muss eigenverantwortlich gepflegt und entwickelt werden, denn er ist der Schlüssel zum Erfolg – so versprechen es uns Werbekampagnen und Prominews.

Besonders in Verruf geraten für die aktive Verbreitung von Körperidealen, die sich vor allem durch Unterernährung auszeichnen, ist die Fernsehsendung „Germany’s Next Topmodel“ rund um Heidi Klum. Nur selten sieht man die Teilnehmerinnen im Durchschnittsalter von 16 bis 22 Jahren etwas essen – was ganz natürlich ist, schließlich wollen sie alle Supermodels werden und ein Model darf nunmal keine normale Figur haben – so könnte man meinen, wenn man sich die Mädchen anguckt, die in den letzten 10 Staffeln der Sendung Favoritinnen wurden.

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Betrachtet man die Entwicklung des in den letzten Jahren immer dünner gewordenen weiblichen Schönheitsideals, das medial präsentiert wurde, parallel mit der Entwicklung von Körperschema- und Essstörungen, ist auffällig, dass Mädchen, die vermehrt ihre Vorbilder und Idole in Fernsehinhalten oder Modemagazinen suchen, auch zunehmend mehr Körperschemastörungen entwickeln (vgl. Thompson et al. 1998).

Ständig mit den Schönheitsidealen entsprechenden Bildern konfrontiert zu werden, macht unzufrieden mit dem eigenen Körper. Myers und Biococa (1992) zeigen deutlich, dass die Präsentation von Idealkörpern das eigene Körperbild verschlechtert und sogar zur Körperschemastörung führt, die in vielen Fällen Grundlage für eine Essstörung bildet.

Gugutzer (2005) geht noch weiter und betont, dass Essstörungen „die psychischen Kosten, die eine krankhaft auf Leistung, Disziplin, Willensstärke, Selbstkontrolle und Selbstverantwortung ausgerichtete Gesellschaft verursacht“, sind.

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http://www.weheartit.com/entry/group/251333

Zu guter Letzt ist es aber natürlich nicht nur dem medial präsentierten Körperideal verschuldet, dass es weiterhin Mädchen gibt, die sich in der Pro-Ana-Szene aufhalten, ohne magersüchtig zu sein. Erschreckend und bizarr mag es auf viele wirken, dass ein gewisser Anteil der fleißigen Leser und Kommentatoren von Pro Ana Blogs oder den Rebloggern von #thinspiration Bildern es sich zum Ziel setzt, Ana, wie die Magersucht von den Betroffenen personifiziert wird, selbst als (vermeintliche) Freundin zu gewinnen und ihr das eigene Leben zu widmen – und es letztendlich zugunsten der Krankheit und der falschen Versprechungen, die sie mit sich bringt, aufzugeben. Magersucht gilt im Gegensatz zur Bulimie als reine, saubere Krankheit – sie ist die Versinnbildlichung von Kraft und Willensstärke. Sie verspricht Schönheit, Bewunderung, Anerkennung, Erfolg und dass sich am Ende all das Hungern lohnt. Sie verschweigt, dass man Ana nicht dazu gewinnt, sondern sie tauscht. Gegen Freunde, gegen Familie, gegen freie Zeit und einen freien Kopf, gegen sich selbst und die eigene Wertschätzung.

Vielleicht dringt das Bewusstsein für die Folgen der Krankheit, deren Ursachen in unserem gesellschaftlichen System und den uns medial präsentierten Inhalten zu suchen sind, langsam in die Köpfe der Menschen. Vielleicht erkennt man langsam den Schaden an, den das weibliche Schönheitsideal und die Leistungsgesellschaft, die zur Individualität, zur Disziplinierung und zum Wettbewerb aufruft, im Leben vieler junger Mädchen anrichten. Wie dem auch sei – aktuell ist auch eine Gegenbewegung zu erkennen. Stars wie Jennifer Lawrence präsentieren stolz ihren Körper, auch ohne Modelmaße. Die Ära der abgemagerten Hollywoodsternchen und Popstars neigt sich möglicherweise langsam einem Ende entgegen. Selbst in der letzten Staffel „Germany’s Next Topmodel“  wurde ganz bewusst eine mehrminütige Szene gezeigt, wie jedes der Models (inklusive Heidi Klum persönlich) einen Burger einer Fastfoodkette isst – oder besser gesagt in sich reinstopft – und erstaunlich oft wurde in den letzten Staffeln betont, wie normal doch das Essverhalten der Models wäre – sich mit Hungern zu brüsten scheint selbst unter den Topmodels nicht mehr so beliebt zu sein
Diese Gegenbewegung birgt Hoffung, denn sie ist eine Bewegung weg von Gleichsetzung schlanker Körper mit Schönheit und Erfolg und hin zur Darstellung von durchschnittlich proportionierten weiblichen Körpern in der Werbung, die eine Größe 38 tragen und sich anscheinend wohlfühlen in ihren Körpern. Denn auch das kommt zu kurz in der Welt der #thinspiration: wie wichtig es ist, diesen Mädchen verständlich zu machen, dass ihr Körper sie nicht mehr oder weniger liebenswert macht und es okay ist, sich wohlzufühlen – egal mit welcher Kleidergröße.

Anmerkung der Autorin aufgrund eines Leserkommentars:
Ich wurde darauf hingewiesen, dass ich keinerlei Anlaufstelle für Betroffene verlinkt habe. Nachdem ich zunächst darauf verzichten wollte, um den Beitrag nicht in die Länge zu ziehen, halte ich den Hinweis für gerechtfertigt und riskiere etwas Überlänge zugunsten von Anlaufstellen, die Tumblrund Weheartit bereitstellen. Tatsächlich ist es vielleicht von Interesse zu erwähnen, dass man, sofern man in der Suchleiste Tags wie #thinspiration und #ana eingibt, zunächst auf eine Seite weitergeleitet wird, auf der man eine Triggerwarnung sowie Anlaufstellen und Adressen zur Hilfe findet. Für alle Betroffenen und/oder Interessierten findet ihr hier die Screenshots:

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Quellen:

http://www.suchtpraevention-sachsen.de/uploads/media/Chancen_und_Risiken_neue_Medien.pdf

https://theproanalifestyleforever.wordpress.com

http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/magersucht-2-0-thinderella-aus-dem-netz-a-489275.html

https://www.google.de/imghp

http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/120/249

http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/magersucht-2-0-thinderella-aus-dem-netz-a-489275-2.html

https://www.tumblr.com/search/thinspiration

Thomas, Tanja. Körperpraktiken und Selbsttechnologien in  einer Medienkultur: Zur gesellschafstheoretischen Fundierung aktueller Fernsehanalyse. 2008.

Beitragsbild: https://www.tumblr.com/search/thinspiration

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