Allgemein, Buchstabensuppe, Gesellschaft und Feminismus

Okay.

Soundtrack zum Post – unbedingt anmachen!

Du bist okay.

Dein Bauch ist okay.
Deine Beine sind okay.
Dein Rücken ist okay.
Deine Oberschenkel sind okay.
Dein Po ist okay.
Deine Füße sind okay.
Deine Haare sind okay.
Deine Augen sind okay.
Dein Mund ist okay.
Deine Hände sind okay.
Deine Brüste sind okay.
Dein Kopf ist okay.
Deine Größe, dein Gewicht, dein Aussehen. Alles okay.

Du bist okay. Du bist so unglaublich okay, genauso wie du bist. So okay wie nur irgendein Mensch sein kann und gleichzeitig so okay, wie alle Menschen auf dieser Welt sind, einfach nur dadurch, dass sie sie sind.

Wenn ich dieses leere Mädchen im Schnee angucke, dann sehe ich mindestens 99 Dinge, die ich ganz und gar nicht okay finde.
Wenn ich dieses verquollene Mädchen im Spiegel angucke, dann sehe ich kein „Okay“, dann sehe ich Frust und Wut und noch mehr Frust und Abscheu gegen diese 99 Dinge, die es vom Okay-sein trennen. Die stehen irgendwo dazwischen, wie eine unüberwindbare Mauer, und erinnern das Mädchen immer wieder daran, wie eng es doch ist, fürchterlich eng, und manchmal, da ist es schwer zu atmen, so wenig Platz ist da. So wenig Okay und so viel Abscheu.

Dann möchte ich dieses Mädchen anlächeln, es in den Arm nehmen und mit ihm gemeinsam vor den Spiegel treten, mich zu ihm in den Schnee setzen und die Tränen aus seinen verquollenen Augen wischen. Ich möchte ihm so viel sagen und auf mindestens 100 verschiedene Weisen zeigen, wie wunderschön es doch eigentlich ist. Aber warum die Luft verschwenden, wenn all die Worte, die ich hervorbringen könnte, doch niemals die unüberwindbare Mauer erklimmen könnten. Vielleicht, ganz vielleicht, müssen es gar keine 100 Gründe sein. Vielleicht reicht ein „Du bist okay“ und ganz vielleicht ist das sogar so viel mehr das, was dieses Mädchen in solchen Momenten braucht.

Ich bin.
Das Mädchen im Schnee.
Das Mädchen im Spiegel.
Okay.
Okay.
Okay.
Vollkommen und unveränderlich okay.

Ich treibe mich viel in sozialen Netzwerken herum. Zum Teil, weil es irgendwie zu meinem Studium gehört und ich wissenschaftliche Arbeiten darüber schreibe; zum Teil, weil ich ein Stück dieser rosaglitzernden Einhorntorte haben möchte, die Instagram und CO. so großmütig an jeden verteilen, der sich in die Schlange reiht. Der Preis: ein bisschen Authentizität und viel Privatsphäre – oder vielleicht umgekehrt?
Zum Teil aber auch, weil es mich fasziniert, so kurz und intensiv in die Wunschleben und Sehnsüchte anderer Menschen einzutauchen.
Kaum eine Message wird von den sogenannten Influencern der sozialen Netzwerke so verbreitet wie die eine: Liebe dich selbst. Da geht es um body positivity, Selbstliebeund das gesellschaftliche Erwachen, die Rebellion gegen Magerwahn, gegen die Klum und gegen Fashionkampagnen, in denen Frauen kurzerhand als hübsch gestaltete Dekoartikel missbraucht werden. Und wehe du liebst dich nicht selbst!

„Ihr seid alle so wunderschön!“ Die Absicht hinter diesem Satz mag ehrenhaft sein. Der Nachgeschmack ist dann aber meistens doch irgendwie fahl und vielleicht auch ein bisschen säuerlich und erinnert eher an zu lange im Kühlschrank gelagerte Milch als an body positivity und Selbstliebe.
Ist das nicht ein bisschen viel? Zu erwarten dass wir, die Schnee- und Spiegelmädchen, die Nicht-Okay-Mädchen, denen die Gesellschaft über Jahre hinweg auf die miesesten und perfidesten Arten, unbewusst und manchmal auch mit Schlagstöcken und fliegenden Spucketröpfchen ins Gesicht schreiend, klargemacht hat, dass sie absolut überhaupt kein Recht haben, sich irgendwie okay zu fühlen, uns jetzt selbst lieben und schön finden? Dreht es sich jetzt darum, wer sich am schönsten findet? Ist das der neue Wert? Wer braucht schon Kleidergröße 32, wenn er unter seinem Selfie auf Instagram erklären kann, wie wunderschön er sich selbst findet, mit allen Kurven und sowieso, wir müssen unsere Körper so lieben wie sie sind, denn wir sind alle einzigartig und wunderschön.
Sind wir, aus den Schnee- und Spiegelländern, dann weniger wert? Weniger Selbstliebe = weniger Wert?
Versteht mich bitte nicht falsch – ich finde diesen neuen Trend, auch wenn ich Trends allgemein kritisch gegenüberstehe, deutlich weniger alarmierend als viele der früheren Trends, die Einfluss auf die Körperwahrnehmung junger Mädchen und Frauen (aber natürlich auch aller anderen Menschen, ganz unabhängig ihres Geschlechts) genommen haben. Aber vielleicht, ganz vielleicht, geht es zu schnell. Vielleicht sind es zu viele Schritte auf einmal. Vielleicht kann man nicht von uns erwarten, mit Anlauf über diese bedrohliche Mauer zu springen, die uns von der Außenwelt abschirmt.

Vielleicht fangen einfach mal mit einem Okay an. Vielleicht müssen wir uns nicht wunderschön finden. Vielleicht ist ein Okay, zumindest für’s Erste, mehr als ausreichend.

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