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Die Heilkräfte der Einsamkeit

Eigentlich wollte ich über etwas anderes schreiben. Ich wollte über meine Angst schreiben. Meine Versagensängste in der Uni, die dazu führt, dass ich manche Hausarbeiten und Klausuren gar nicht erst schreibe, wenn ich Angst habe, keine wirklich gute Note darin zu bekommen. Meine Versagensängste beim Shooten, die dazu führt, dass ich mich selbst unter einen immensen Druck setze, der natürlich meine Konzentration und meine Kreativität beim Fotografieren beeinträchtigt. Meine Angst blöde Texte zu veröffentlichen, die dazu führt, dass ich lieber einfach gar nichts schreibe oder blogge oder sonst etwas tue, mit dem ich selbst nicht zumindest zu (vielleicht) 78% zufrieden bin. 100% wäre ja schon ziemlich krass.

Nun kam es aber irgendwie anders und statt endlich meinen schon so lange aufgeschobenen Blogbeitrag über Versagensangst zu schreiben, schreibe ich über etwas anderes, weil es viel aktueller und wichtiger ist.
Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich an einem sehr einsamen Ort am Rhein und lasse mir das Wasser um die Füße spülen. Die Sonne knallt von oben auf mich runter und meine Gedanken schweifen abwechselnd zu all der Arbeit, die daheim am Schreibtisch auf mich wartet und dazu, dass ich keine Sonnencreme dabei habe und damit ein Zeitlimit geschaffen ist. Dabei würde ich so unglaublich gerne die nächsten Tage hier, auf diesem winzigen steinigen Uferabschnitt verbringen. Ich sehe mich schon halb einen Schlafsack zwischen das Schilf und den Felsen da hinten platzieren. Irgendwo im Hintergrund zirpen Grillen. Das sanfte Plätschern der Wellen, wenn sie die Steine erreichen, wiegt mich in den Schlaf.

Aber halt. Es ist kurz nach 10 Uhr vormittags und da sind keine Grillen. Höchstens ein paar zwitschernde Vögel, hin und wieder mal ein Schiff. Ansonsten herrscht Stille. Und es ist genau diese Stille, die langsam, Stück für Stück und fast unmerklich, etwas in mir heilt, das heute morgen mit einer traurigen Nachricht einen weiteren riesigen Knacks gekriegt hat.
Wir verlieren unsere Liebsten. Das ist eine unveränderliche und unumgängliche Tatsache und wie oft habe ich mich nachts in den Schlaf geweint und dieses Etwas, das manche vielleicht als Gott bezeichnen würden, angeschrien, er sei ein verficktes Arschloch und wenn er doch alle Menschen liebe, wieso müssen wir dann unsere Liebsten gehen lassen, wieso musste ich mein Meerschweinchen abgeben (dass ich eine vermeintliche Meerschweinchenhaarallergie hatte war für mich zu dem Zeitpunkt eher nebensächlich) und wieso ist mein Katzenbaby Tiger-Lilly gestorben, als ich gerade mal 6 Jahre alt war, wieso hat Mama ihre eigene Mama so früh verloren und ich könnte diese Liste unendlich lange fortführen.
Mittlerweile bin ich reifer, weiser und überzeugte Ignostikerin. Aber der Schmerz bleibt und auch wenn ich nicht mehr versuche, zu verstehen, weil es da wohl einfach nichts zu verstehen gibt, so habe ich doch nach all den Jahren immernoch keinen Weg gefunden, nicht bei jedem Verlust in dieses beschissene schwarze Loch zu fallen.

Ich habe es mit allem probiert. Ablenken, betrinken, einschließen, arbeiten, noch mehr betrinken, Menschen sehen, keine Menschen sehen, im Bett liegen bleiben, rausgehen.
Meistens blieb dieser bittere Geschmack im Mund, die Gänsehaut auf den Armen und das Loch irgendwo da in der Gegend, wo ich mein Herz vermute.

Seit einer Weile beschäftige ich mich nun mit dem Alleinesein. Ich lebe alleine, das erste Mal in meinem Leben. Und da ich von zuhause aus arbeite, geht damit einher, dass ich relativ viel alleine bin. Es gibt Zeiten in denen ich tagelang keinen Menschen sehe. Oder höchstens an der Kasse bei Rewe. Oder bei der Post.
Ich hatte panische Angst davor alleine zu sein. Mit 15 oder 16 war ein Wochenende, an dem ich nicht jeden Abend mit Freunden unterwegs war, ein vergeudetes Wochenende, das man ebenso gut aus dem Kalender hätte streichen können. Irgendwie habe ich es als persönliche Beleidigung aufgefasst, wenn ich daheim bleiben musste und den Abend alleine mit meinen Katzen verbracht habe. Nichts gegen Katzen, aber die Antworten meiner Katze auf meine Frage wie ihr das neue Casper Album gefiel, ließ doch leider sehr zu wünschen übrig.

Mittlerweile glaube ich, dass viele Menschen (und das weiß ich heute auch: nicht nur ich hatte damals solch eine panische Angst vor’m Alleinesein) nicht gerne alleine sind, weil sie nicht gut mit sich selbst klarkommen. Und letztendlich ist es ja genau das, was du machen musst, kaum ist niemand mehr bei dir, der dich ablenkt und beschäftigt: du musst deinen Gedanken zuhören, auf dich selbst Acht geben und Zeit ganz mit dir alleine verbringen. Und dazu kommt dann ja auch noch, dass Alleinesein (absolut zu Unrecht wie ich finde) einen sehr schlechten Ruf hat. Wenn du alleine bist, hast du keine Freunde. Wenn du keine Freunde hast, bist du komisch. Fertig.

Ich bin mittlerweile ein großer Fan davon alleine zu sein. Nicht, weil es mir leicht fällt. Sondern weil ich merke, dass es mir gut tut. Ich konfrontiere mich gezwungenermaßen mit all den Dingen, die ich sonst vor mir herschiebe und – und das ist das Wichtigste – ich lerne mich selbst zu ertragen. An Tagen wie heute, an denen ich einfach am Wasser sitze und schreibe, mag ich mich sogar fast. Ganz ehrlich: es gibt schlimmere Arten seinen Tag zu verbringen.

Ich kann es wirklich jedem ans Herz legen, mehr alleine zu sein. Selbst wenn du glaubst, dass du dafür nicht gemacht bist. Menschen sind soziale Tiere, natürlich sind wir alle nicht dafür gemacht dauerhaft alleine zu sein. Das heißt aber nicht, dass es uns Menschen in kleinen Dosierungen nicht irgendwie ein bisschen heilen kann.

Momentan lese ich ein Buch, das Die hohe Schule der Einsamkeit heißt. Ich kann es euch wärmstens ans Herz legen.
Wir sollten Alleinesein endlich entstigmatisieren und die Kraft und die Möglichkeiten erkennen, die damit einhergehen, sich gänzlich mit sich selbst zu beschäftigen. Geht raus, geht in die Natur, sucht euch einen neuen Lieblingsplatz, packt ein Buch ein, meditiert, schreibt von mir aus auch eure Hausarbeiten dort.

Ich lerne langsam mich von meiner inneren Überzeugung zu lösen, dass Sozialkontakte etwas mit gesellschaftlichem Prestige zu tun haben und ich langweilig bin, wenn ich nicht jeden Abend mit Menschen unterwegs bin. Und das Gewicht, das da momentan nach und nach von mir abfällt, ist größer als ich es mir jemals hätte vorstellen können.

Ein Hoch auf’s Alleinesein!

PS: Die Fotos sind alle in Vietnam entstanden, wo ich 2015 unterwegs war. Vielleicht schaffe ich es iiiiirgendwann mal, euch auch darüber ein bisschen was zu erzählen. Und natürlich Fotos zu zeigen. Eins haben diese Fotos allerdings gemeinsam: sie zeigen Orte, an denen ich (fast) alleine war. Und irgendwie bin ich an all diesen Orten ein bisschen geheilt.

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3 Gedanken zu „Die Heilkräfte der Einsamkeit“

  1. Deine Worte stimmen einfach so. Ich hab mich selbst in den vergangenen Jahren immer wieder erwischt, wie ich Einladungen zu Freunden und Bekannten oft ausgeschlagen habe, weil ich es vorzog allein zu sein und dies hat sich nicht geändert. Allein sein ist auch ein Stück frei sein, denn niemand ist da, der dich öffentlich oder nur in seinen Gedanken für irgendetwas kritisiert. Man hat für so viel Zeit und man kann sich frei von sämtlichen gesellschaftlichen Konstrukten machen. Ich liebe es zwischen durch allein zu sein. Ja, eigentlich bevorzuge ich es sogar. Aber ganz allein ist man auch irgendwie nie, weil es immer jemanden gibt, für den man wichtig ist und der dann mental bei uns ist 😉
    Liebe Grüsse

    Gefällt 1 Person

  2. Ein sehr schöner und ausführlicher Beitrag.
    Ich persönlich bin schon immer gern für mich gewesen. Wahrscheinlich auch, weil ich den Unterschied zwischen allein und einsam immer kannte. Aber ich kenne auch viele Leute, denen es noch heute so geht, wie Dir früher.
    Aber wie Du schon schreibst: Allein sein ist toll und vor allem auch wichtig, um sich mit sich selbst auseinande zu setzen, von sich selbst zu lernen, sich selbst kennen zu lernen. Andere Menschen können Deinen Horizont erweitern, aber verarbeiten und begreifen kannst Du all das nur im Stillen mit Dir allein. 🙂

    Liebe Grüße,
    Lisa

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  3. Dein Text und deine Worte passen gerade wie die Faust auf’s zu meiner momentanen Situation!
    Ich denke zur Zeit auch viel über das Alleinsein nach. Tut sehr gut zu wissen, dass auch andere solche Gedanken haben 🙂

    Liebe Früße, Sina

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