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Fernweh: Vietnam 2015 (ENDLICH.)

Wow. Ich hätte noch bis vor kurzem nie gedacht, dass ich es tatsächlich mal über mich bringen würde, diese Zeilen zu tippen. Einen Blogbeitrag mit Bildern von einer meiner allertollsten Reisen, die ich jemals gemacht habe. 3 Jahre sind vergangen, seit ich mich mit meiner Freundin Milli auf den Weg in die Ferne begeben habe: 18 Jahre alt und endlich das erste Mal raus aus Europa. Endlich das erste Mal eine andere Kultur. Endlich mal ganz weit weg. Dazu muss man vielleicht erwähnen, dass sich die Idee, 4 Wochen durch Vietnam zu reisen, schon in Island manifestiert hat. Nach Deutschland bin ich zwischendurch nur noch zum Geld verdienen gekommen.
Ich kann mich auch nach über 3 Jahren noch daran erinnern, wie aufgeregt ich war, als ich meinen Reisepass von der Berliner Botschaft zurück bekam – mit einem großen bunten Aufkleber darin, der mir als Visum dienen sollte. Generell – Reisevorbereitungen! Impfungen auffrischen, einen Reisepass beantragen, Visum beantragen. Irgendwie war plötzlich alles aufregend.
Nach 8 Wochen ziemlich mieser und unterbezahlter Arbeit in einem Café, stand ich irgendwann morgens am 31. Januar 2015 am Frankfurter Flughafen und schweifte meinen Blick durch die Menschenmassen auf der Suche nach Milli. Im Schlepptau: meine Mama (die unsere Reisepläne bei Weitem nicht so toll fand wie wir) und mein zu dem Zeitpunkt frischer Freund (ihr könnt euch vorstellen, wie furchtbar es ist, sich einen Monat lang nicht zu sehen, wenn man Hals über Kopf verliebt ist). Es gab eine kurze und relativ schmerzlose Abschiedsszene, dann waren wir auch schon durch die Sicherheitskontrolle auf dem Weg zum Gate und hatten alles um uns herum vergessen.

Nach 9 Stunden Flug und mehr oder weniger halbherzigen Versuchen, unsere Reise mithilfe unserer Reiseführer etwas konkreter zu planen (an dieser Stelle ein riesiges Dankeschön an Milli, ohne die ich als Nicht-Planer einfach unendlich aufgeschmissen gewesen wäre), hatte ich schließlich zum ersten Mal nicht-europäischen Boden unter den Füßen. Hallo Kuala Lumpur! Ich fand es zu dem Zeitpunkt wahnsinnig cool, dass ich mich, wenn auch nur für wenige Stunden, in Malaysia befand. Noch heute steht Malaysia sehr weit oben auf der Liste der Länder, die ich unbedingt mal länger auskundschaften möchte.
In Kuala Lumpur ist dann auch das erste Mal etwas passiert, das mir in Vietnam noch öfter passieren sollte und das ich überhaupt nicht im Kopf hatte: von allen Seiten fielen die Blicke auf mich. Als Deutsche, die sich vorwiegend in skandinavischen Ländern aufhält, waren meine damals sehr langen blonden Haare für mich nie etwas, dem ich Beachtung geschenkt habe. Plötzlich hatte ich allerdings das Gefühl, dass mir mindestens jeder 3. Passant einen Seitenblick zuwarf. So seltsam es sich anfangs auch anfühlte – im Laufe der Wochen und vor allem in Begleitung anderer blonder Backpacker gewöhnte ich mich daran.

Als wir endlich in Hanoi landeten, fielen mir zwei Dinge sofort auf: der Lärmpegel, an den ich so gar nicht gewöhnt war, und die Kälte, mit der ich nicht gerechnet hatte. Das war definitiv ein bisschen dumm und vielleicht auch ein bisschen „deutsch“, zu glauben, Südostasien ist zwangsläufig heiß (auch im Februar natürlich), aber ich war mehr als froh, dass meine Mutter mich dazu verdonnert hatte, zwei mehr oder weniger hübsche Jacken mitzunehmen.
Woran ich mich dann erinnere, ist der erste Kulturschock meines Lebens, Todesangst beim Überqueren der Straße, unzählige fremde Gerüche (und generell starke Gerüche – zusammen mit dem Lärm und den fremden Häusern und Menschen kann ich ehrlich behaupten, dass ich Vietnam mit mehr als nur meinem Sehsinn aufgenommen habe), viele Menschen und gefühlt noch mehr Motorräder und zum Teil sehr heruntergekommene Häuser. Ich erinnere mich an stundenlange Spaziergänge durch die Straßen Hanois, meine Faszination für alles und jeden, das mir neu vorkam und Tempel, Seen, kleine Cafés, das Ho Chi Minh Mausoleum und so viele andere Dinge. Unsere Tage in Hanoi waren vollgepackt mit Eindrücken und Dingen, die ich zu verarbeiten hatte und ich bin froh und dankbar, dass wir kein strammes Programm geplant hatten. Mich treiben zu lassen war, im Nachhinein betrachtet, notwendig, um endgültig in dieser Kultur anzukommen, die so ganz anders ist als alles, was ich bis dahin kennengelernt hatte.

Unsere Route führte uns von Hanoi in den Norden, zu Halong Bay, auf die Insel Cat Ba (auf der wir das erste Mal echten Kontakt mit Einheimischen hatten, ich meine erste Wanderung/Klettertour durch einen Nationalpark unternommen habe, ich das erste Mal ohne Helm (sorry, Mama!) mit einem fremden Mann Motorrad gefahren bin, ich das erste Mal echte Angst hatte und gelernt habe, dass es okay ist, manchmal einfach keinen Plan davon zu haben, was gerade los ist) und schließlich wieder zurück ins Landesinnere auf den Weg Richtung Süden. An dieser Stelle ist es Zeit, die wunderbaren Menschen zu erwähnen, die schon bald nicht mehr aus unserer Reise wegzudenken waren. In der Hoffnung, neue Leute kennenzulernen, schlossen wir uns einer Tour voller Backpacker an, die gemeinsam per Motorrad, Bus und Flugzeug aus Hanoi in den Süden wollten.

Die Tour begann dann letztendlich gleich mit dem Verrücktesten, was ich jemals getan habe. Dies bestand darin, mich ohne jegliche Erfahrung im Motorradfahren, ohne geeignete Schutzkleidung und mit nur 20 Minuten Trainingszeit auf einem Parkplatz (die ich produktiv genutzt habe, um zu beweisen, dass ich zu blöd zum Bremsen bin und einfach mal ungebremst in einen kleinen Verkaufsstand am Straßenrand reingerattert bin – erfreulicherweise waren die Betreiber mehr als verständnisvoll (diese dummen Europäer immer) und erklärten mir sofort, wie so eine Bremse funktioniert (an dieser Stelle: ich hasse Fahrräder und vermeide Fahrradfahren wann immer es irgendwie möglich ist, deshalb ist an dieser Stelle das Ziehen eine Parallele zu Fahrradbremsen nicht besonders hilfreich)) anschließend auf eine 120er-Maschine zu schwingen und einfach mal los zu fahren. Einige 100km, der Wolkenpass und einen nicht zu verachtenden Teil der Strecke durch Großstädte lagen vor mir. Todesangst und Hilfe-was-machst-du-da-Gedanken wechselten sich mit Adrenalin und dem Ausreizen der Geschwindigkeitsbegrenzung ab. Die Stunden auf dem Motorrad werde ich für immer als intensivste Momente meines Lebens im Kopf haben. Logisch betrachtet war das einfach nur Wahnsinn: wahnsinnig dumm und gefährlich und es hätte weiß Gott was passieren können, ich bin mit dem Scheißding schließlich auch überhaupt nicht klargekommen. Aber sobald mein Kopf still war und die Angst vorm Sterben kurz mal den Mund hielt, fühlte ich mich lebendiger und freier als jemals zuvor.
Der Teil durch die Stadt war dann eigentlich so das Schlimmste – der Verkehr in Vietnam gleicht eher einem Haufen voller bekiffter Ameisen die es nicht mehr schaffen geordnet in dieselbe Richtung zu laufen. Überall wird gehupt, überall wird überholt, kurzum: es ist ein einziges Desaster (und ich habe meinen Führerschein zudem auf dem Land gemacht – also doppelt Horror). Ich kann mich noch an diese unfassbare Erleichterung erinnern, als ich von meiner Maschine absteigen konnte und wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Noch nie hat ein 30ct-Bier so gut geschmeckt wie danach.

Auf dem Weg in den Süden überlebte ich eine Fahrradtour durch den Urwald (auch wenn das auf jeden Fall der schlimmste Teil war), 157489239430 Insektenstiche, Bootsfahrten über Flüsse und durch Höhlen, waghalsige Wanderungen und Abstiege von Felswänden (auch in Sandalen – Ausrüstung wird überbewertet) und, das muss ich an dieser Stelle zugeben, sehr viel Alkohol. Wir hatten uns zu einer internationalen Gruppe bestehend aus vier Australiern, fünf Briten, einem Holländer und uns Deutschen zusammengeschlossen.
Über Hue ging es nach Hoi An, mein Highlight des Landes. Diese Stadt hat mich wirklich verzaubert. Das Wetter war angenehm (also nicht über 25 Grad), überall Märkte, frisches Obst und Gemüse, günstige Restaurants, weniger Menschen als in Hanoi und einfach ein irre schönes Stadtbild. Wir verbrachten noch einige Tage zusammen, ehe wir uns trennen wollten: die Tour war offiziell vorbei und ein Großteil der Gruppe wollte noch ein bisschen Strandurlaub machen. Milli und mich zog es weiter in den Süden, Richtung Saigon, dem Mekong Delta und der Urlaubsinsel Phu Quoc (die sich als totaler Reinfall herausstellte – was unter anderem daran lag, dass die Betreiber unseres Hostels die Natur ein bisschen zu gerne mochten und konstant unter irgendwelchen Einflüssen standen, die weitaus mehr waren als nur THC…).

An dieser Stelle tauchen die ersten Lücken auf. Ich weiß nicht mehr, wann und wo wir uns wieder fanden. Ich weiß nur noch, dass wir irgendwann wieder alle zusammen waren. Wir haben das Leben gefeiert und uns selbst, bis tief in die Nacht geredet und etwas zu viel getrunken. Es war so leicht, so sorgenfrei. Es ging um nichts. Leben war noch nie so leicht wie zu dieser Zeit.

Das Mekong Delta war ein weiteres Highlight. Im Morgengrauen aufstehen, stundenlang mit dem Boot durch die Flussarme des Mekong fahren, die floating markets besichtigen und dabei die unglaubliche Landschaft in sich aufsagen – meine Erinnerungen an das Mekong Delta sind durchweg positiv. Generell habe ich die ländlichen Gebiete, auch die Wanderungen und vor allem die Nationalparks sehr genossen. Weniger Menschen, etwas von der Natur in sich aufnehmen und abspeichern. Straßentiere streicheln und fotografieren und Kindern beim Spielen auf der Straße zusehen. Dinge, die in riesigen Städten wie Hanoi und Saigon nicht möglich sind und die doch so sehr für mich zu Vietnam gehören.

Der letzte große Stopp unserer Reise war Saigon, oder auch Ho Chi Minh City, wie es heute heißt. Wieder alle zusammen. Saigon hatte ungefähr die doppelte Temperatur von Hanoi und dabei seinen ganz eigenen Charme. Viel moderner, viel reicher als Hanoi. Genauso viele Menschen, aber in einem Stil, der etwas mehr an Europa erinnert. Eines meiner Highlights war definitiv das Kriegsmuseum. Ich erinnere mich, dass wir zu viert waren und am Ende alle eine Weile stumm vorne dran saßen. Ich kannte keine Details des Krieges und ich wusste, dass die vietnamesische Sichtweise natürlich alles andere als objektiv war, aber die Bilder ließen mich in einem Zustand des Schocks zurück, den ich selten so erfahren habe. Und dieser Schock, dieser kurze Riss in dieser perfekten heilen und glatten Oberfläche, die meine Zeit in Vietnam schützte und von der echten Welt abschirmte, war ein starker Kontrast zu der Sorgenfreiheit, die mich die ganzen 4 Wochen lang begleitete.

Der Abschluss war das vietnamesische Neujahrsfest, das wir vom Dach eines Hotels aus bewunderten. Besser gesagt: das Feuerwerk. Kurz nach unserem eigenen Silvester feierten wir über den Dächern Saigons, tranken noch ein letztes Mal zusammen, bevor wir alle weiterreisen oder, wie in meinem und Millis Fall, nach Hause zurückkehren würden. Die Uni würde bald wieder starten und ich musste mich den echten Problemen stellen. Bis dahin blieb uns noch eine Nacht, in der alles grenzenlos schien. Und vielleicht war es das auch. In dieser letzten Nacht in Saigon war die Welt kurz auf Pause geschaltet.

30ct Bier in den Straßen von Hanoi. Waghalsige Motorradtouren über den Wolkenpass und das Gefühl von absoluter und uneingeschränkter Freiheit. Frisches Essen in kleinen Straßenrestaurants für weniger als 3€. Fremde Obstsorten. Unfassbar nette Menschen und Menschen, die weniger nett waren (meistens ging es darum uns möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen und es hat leider erschreckend oft funktioniert). Unzählige Märkte. Durchgefeierte Nächte. Lange Fußmärsche durch die Straßen der vietnamesischen Städte. Aufregende Wander- und Klettertouren durch die Natur. Sorgenfrei. Ganz weit weg. Erwachsen.

Vietnam riecht nach frischem Obst und Gemüse, nach Fisch und Fleisch, Abgasen und fremden Menschen. Vietnam klingt nach einer fremden Sprache und nach dem Rattern der Motorräder. Ich erinnere mich an ganze Familien und Schränke, die auf diesen Motorrädern transportiert wurden. Ich erinnere mich nach 3 Jahren an so vieles und ich glaube, dass ich die Zeit und das erste Mal außerhalb von Europa aufgesogen habe wie ein Schwamm und es, wie die Fotos, innerlich eingeschlossen habe, aus lauter Angst, sie könnten an der Luft verblassen. Jetzt, drei Jahre später, ist es Zeit, die Bilder und Erinnerungen zu zeigen und zu teilen. Die Erinnerungen an die Luft zu lassen und mich für einige Moment wieder zurück nach Südostasien bringen zu lassen – an diese 4 Wochen, in denen ich nicht nur Eindrücke einer ganz neuen Kultur in mir aufnahm, sondern auch so viel über mich rausfinden konnte. Und obwohl ich anfangs etwas skeptisch war (ich war ehrlich gesagt nie der große Asienfan): ich würde es wieder tun. Genauso. Oder zumindest fast genauso.

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Die in diesem Post gezeigten Bilder sind gerade mal ein winziger Bruchteil derer, die ich insgesamt gemacht habe und es werde noch sehr viele weitere kommen. Allerdings erst, sobald ich rausgefunden habe, wie ich WordPress (┌П┐(◉_◉)┌П┐) überlisten und mehr Bilder posten kann ohne zahlen zu müssen 😉

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2 Gedanken zu „Fernweh: Vietnam 2015 (ENDLICH.)“

  1. Einfach nur toll. Ich bin sprachlos. Deine Beschreibung macht, dass ich mich fühle als wäre ich dabei gewesen. Ich will jetzt gerne sofort in den Flieger steigen 😀

    Hast du eigenen Webspace? Dann dürfte das Problem mit deinen Bildern eigentlich nicht auftreten wenn du WordPress darauf installierst. 🙂

    Ich will auf jeeeeden Fall mehr Fotos sehen!

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Johanna,

      vielen vielen Dank für deinen lieben Kommentar! ❤
      Einen eigenen Webspace habe ich für meinen Blog noch nicht – bisher gibt's den nur für meine Websites. Das wird aber ein Projekt für dieses Jahr.

      Und ich setze mich auf jeden Fall bald an einen zweiten Blogpost mit den restlichen Bildern.

      Alles Liebe ❤

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