Allgemein, Buchstabensuppe

Über weiße Sneaker und Lebenspläne (Und ein Headerbild, das nichts mit dem Inhalt zu tun hat.)

Gestern war ich wütend. Ziemlich wütend genauer gesagt. Auf mich und diese blöden weißen Sneaker die ich mir einbildete kaufen zu müssen, weil sie von Vans sind und vegan und ja viele Leute mit weißen Turnschuhen rumrennen. Weiße Sneaker haben sich mit Hilfe von Influencern und Social Media Stars schon vor einer Weile aus den Krankenhausfluren in die Straßen Berlins und New Yorks gekämpft und irgendwo auch ihre Daseinsberechtigung. Wenn da nicht die Farbe wäre. Oder eher: die fehlende Farbe.

Ich bin ein Landei. Ich betone zwar immer gerne, dass ich aus München komme (worauf mich mein Freund gestern netterweise hinwies), aber eigentlich macht mich der Geruch von Kuhfladen und Pferdeäpfeln genauso glücklich wie in Berlin Soja Chai Latte schlürfen und dabei einen Instagrampost verfassen. Allzu gerne rede ich mir ein, ich wäre ja mittlerweile schon irgendwie wieder ein Großstadtmädchen und will irgendwo auch manchmal ein bisschen cool aussehen (wenn ich jetzt mal ganz ehrlich bin) und ja – verdammte Scheiße – ich wollte diese blöden weißen Turnschuhe. Unbedingt. Keine Kohle, aber egal, wen interessiert das. Ich bin Studentin, ich darf das. Pleite sein und mir trotzdem Sneaker kaufen. Dafür trinke ich meinen nächsten Chai Latte eben daheim statt in Berlin.
Gesagt, getan. Sehnsüchtig erwartet. Ausgepackt. Verliebt. Natürlich sofort auf Instagram gepostet (immerhin bin ich ein Großstadt-Social-Media-Veganer-Hipster-90s-Kid) und viel Zuspruch erhalten. Dann auch sofort zwei Mal ausgeführt und für ziemlich cool befunden. Dies wäre die richtige Stelle für das wunderbare Happy End – nur, dass es leider ausblieb.

Aktuell frage ich mich, ob es so kommen sollte. Ob das der Schlag ins Gesicht war, der Weckruf. Erde an Anna, was zur Hölle ist los mit dir?

Abends habe ich mich dann mit einem Freund getroffen, um ein paar Bier trinken zu gehen – so weit, wo gut. Schon da habe ich mich ständig dabei ertappt auf diese weißen Schuhe zu starren um zu überprüfen, ob sie auch wirklich sauber sind. Korrigiere: waren. Irgendwann war da nämlich ein dunkelgrauer Fleck. Na super. Ich wurde merklich unentspannter und habe noch während des Gesprächs versucht, dem kleinen Mistkerl den Garaus zu machen (Dr. Beckmanns Express Fleckenstift – und nein, dafür werde ich nicht bezahlt) – Erfolg: mittelmäßig. Was mich dann noch viel mehr ärgerte als der Fleck, war die Tatsache, dass ich natürlich nicht so naiv war, zu glauben, dass die Schuhe für immer weiß blieben. Keine weißen Schuhe bleiben für immer weiß. Aber der erste Fleck gleich nach zwei Tagen? Ich war ziemlich frustriert.

Zuhause also gleich mal den Computer angeschmissen und gegoogelt. Google sagte: Backpulver, Spüli und Wasser. Meine Euphorie kannte keine Grenzen, als ich bemerkte, dass ich dafür alles zuhause hatte. Also sofort ein hübsches Gemisch zusammengerührt und auf beide Schuhe aufgetragen – richtig, auf beide. Das war der eine große Fehler. Denn während der ursprüngliche  Fleck auf dem ersten Schuh gut rausging, habe ich meinen zweiten weißen Schuh (der, der vorher strahlend weiß war) blau gefärbt. Hätte ich zwei Zeilen weitergelesen, hätte ich auch den Tipp noch gelesen, kein blaues Spüli zu nehmen, da sich sonst die Schuhe blau färben könnten, „und das will ja keiner ;-)“. Aber dafür hatte ich ja keine Zeit, schließlich musste ich meine zwei Tage alten weißen Sneaker wieder weiß kriegen.

Tja, was soll ich sagen. Aus purer Verzweiflung heraus habe ich in den letzten Tagen mit Chemiekeulen um mich geworfen und es natürlich immer schlimmer gemacht. Mittlerweile haben beide Schuhe leichte gelbe Flecken, die blauen sind immernoch da. Und das ganze treibt mich in den Wahnsinn. Diese verdammten weißen Sneaker. Es treibt mich so sehr in den Wahnsinn, dass ich einen verdammten Blogpost darüber schreibe. Und was mich am meisten in den Wahnsinn treibt, ist die Tatsache, wie sehr es mich stört.

Das soll ich jetzt sein? Jemand, der früher fast den ganzen Tag draußen war, immer am Stall, immer bei den Pferden, immer dreckig? Immer dunkle Sachen an und selbst wenn mal irgendwas dreckig wurde – egal, das gehört halt dazu. Wäre ich damals auf die Idee gekommen mir weiße Schuhe zu kaufen? Oder überhaupt etwas Weißes? Auf keinen Fall. Niemals. Nie nie niemals. Ich bin doch ein Outdoormensch, ein Draußen-Kind, ein Landei, ein Pferdemädchen. Der Dreck wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt, wir kennen uns von Klein auf und sind quasi beste Freunde und Klamotten dürfen, nein, sollen verdammt nochmal auch benutzt aussehen.

Und jetzt sitze ich am Schreibtisch und jammere stumm vor mich hin, weil die schönen Sneaker nun gelb-blau-weiß statt reinweiß sind. Was ist da los.

In einer meiner Zukunftsversionen sehe ich mich als Journalistin (und Fotografin) in einem schicken Café sitzen, mit coolen Klamotten, meinem Soja Chai Latte und vielleicht sogar weißen Sneakern. Ich sitze mit meinem Macbook am Fenster und schreibe Bücher und Artikel über Feminismus, Tierschutz, Politik und den Verfall der deutschen Sprache. Weil ich zur Generation Hyperaufgeklärt gehöre, habe ich auch vermutlich eine Kolumne über Sex bei irgendeinem Onlinemagazin. Ich recherchiere und veröffentliche und kritisiere und werde irgendwann vielleicht sogar für irgendwen ein ganz kleines bisschen wichtig.

In der zweiten Zukunftsversion sehe ich mich mit Gummistiefeln und dreckverspritztem Hemd durch einen Sumpf waten, eine Kamera inklusive 6-Kilo-Stativ geschultert, verschwitzt, ungeschminkt und mit Ringen unter den Augen nach 3 1/2 Stunden Schlaf und einem 4-stündigen Marsch durch den Urwald bei Morgengrauen, auf der Suche nach seltenen Affen und einem Komodowaran, den ich dann für National Geographic oder die Geo fotografiere. Und da bin ich definitiv für irgendwen wichtig – und vermutlich auch mehr als nur ein ganz kleines bisschen.

Das bin ich. Beides. Der Schmutzfink und der Hipster. Vereint in einem 1,60 Meter großen Körper. Welche Zukunftsversion realistischer ist? Keine Ahnung. Muss ich vermutlich auch noch nicht haben. (Tun wir einfach mal so, als wäre beides gleich realistisch.)
Bis es dann soweit ist, trage ich meine gelb-blau-weißen Sneaker mit Stolz – und mit Flecken (falls Mama sie nicht rausbekommt – aber ich glaube an dich, Mama!). Und diese verdammten Flecken werden mich hoffentlich jeden Tag daran erinnern, dass weiß eben nicht immer weiß bleibt und das definitiv kein Grund zum Rumheulen ist (ich bin leider manchmal ein westliches konsumverwöhntes Luxusgeschöpf) und verdammt nochmal, als Kind, das früher in Pferdeäpfeln gewühlt hat, sollte ich echt einen Scheiß auf diese blöden weißen Sneaker geben. Mit den Flecken sind sie wenigstens einzigartig.

Da sich etwas in mir gesträubt hat, meine Schuhe zu fotografieren – Flecken hin oder her – gibt es hier ein Foto von meiner wunderschönen Freundin Carina, mit der ich gestern stundenlang durch die Natur gelaufen bin. In schwarzen robusten Stiefeln, die dreckig wurden und danach wieder sauber. Und es hat mich nicht die Bohne interessiert. Während ich übrigens mehrmals anfing über die blöden Sneaker zu schimpfen. Und falls ihr euch jetzt fragt, ob mir das auch ein bisschen peinlich ist: ja, sehr sogar.
Und das wurde nur noch dadurch verstärkt, wie gut es mir ging, bei diesem Spaziergang, bei dem ich Wald und Natur und Pflanzen und Tiere und den Geruch von Holz und Gras einatmete und Social Media und Großstadthipstertum ausatmete. Vielleicht bleibe ich einfach ein Landkind – ich glaube, damit könnte ich auf Dauer auch glücklich werden.

 

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