Allgemein, Gesellschaft und Feminismus

Ja, Mama, schon wieder.

„Du hast ja schon wieder was Neues!“ Der Vorwurf in der Stimme meiner Mutter ist unverkennbar, als sie mein hochgerutschtes Hosenbein begutachtet, das eine grüne Avocado entblößt.
Entgegen meiner Vorsätze möchte ich mich verteidigen. „Ja, aber ist ja nur was Kleines und war auch relativ spontan und -“ Halt. Stopp. 
Ich predige liebend gerne darüber, wie der Körper jedes Menschen dessen persönliche Sache ist und sich da niemand einzumischen hat, weder mit Kommentaren, noch mit Bewertungen. Wenn jemand keine Tattoos mag – prima. Wenn jemand Tattoos mag – prima. Es spielt keine Rolle, denn ich mag Tattoos und ich mag sie vor allem auf meinem Körper, in den sich niemand einzumischen hat.
„Aber Tattoos sind schweineteuer. Das Geld könntest du doch in was Anderes investieren. Mit unserem Unterhalt finanzieren wir dir deine Körperbemalung – ich bin noch arbeiten gegangen, um mein Essen zu finanzieren!“ Okay, Punkt an die Gegenseite. Ja, Tattoos sind Luxus. Ja, ich arbeite auch verdammt viel neben meinem Studium aber ja, ich lege mir auch ein bis zwei Mal im Jahr was zur Seite, um meine Haut ein bisschen bunter werden zu lassen. Dafür spare ich an anderen Ecken. Ich kaufe Secondhand, ich gehe nicht essen, ich trinke Leitungswasser (und Kaffee, zugegebenermaßen) und ich reise so günstig wie nur möglich. Nur um mal ein paar Beispiele zu nennen.
Wir (und damit meine ich MittelschichtsbürgerInnen in Deutschland) haben das riesige Glück, nicht hungern zu müssen und uns mal einen kleinen Luxus leisten zu können – sei das jetzt in Form eines schicken Autos, einer luxuriösen Urlaubsreise oder eben in Form von Tattoos.

Und was viele dabei vergessen, ist, wie sich dieser Wert auf den Selbstwert auswirken kann. Ich könnte eine ganze Oper mit Überlänge auf drei Sprachen nacheinander davon singen, wie es sich anfühlt, seinen Körper nicht zu mögen. Wie das ist, wenn man Spiegel meidet, möglichst viel Haut unter Stoff bedeckt und Menschen beim Reden nicht in die Augen gucken kann, weil man dem Blick nicht standhalten kann, ohne das Gefühl zu haben, angestarrt zu werden und das einfach nicht auszuhalten ist. Wie das ist, wenn man selbst im Sommer lange Klamotten trägt, weil man das Gefühl hat, alle gucken einen an – was Blödsinn ist. Been there, done that.
Mit 18 Jahren habe ich angefangen mich tätowieren zu lassen. Ich habe ganz brav gewartet, obwohl ich schon viele Jahre vorher wusste, dass ich mal bunt sterben möchte.
Und mit jedem Kunstwerk, mit jedem Nadelstich und mit jedem Cent, der in meinen Körper fließt, mag ich ihn etwas lieber. Verrückt? Ganz und gar nicht. Schließlich habe ich entschieden, etwas zu investieren, was mich meinen Körper mehr wie ein Kunstwerk betrachten lässt.

My body is a temple, how much you think I could get for it?

Ganz so drastisch wie die Front Bottoms (UNBEDINGT ANHÖREN!) würde ich es vielleicht nicht formulieren, aber der Grundgedanke stimmt. Ich renne ein Leben lang mit meinem Körper rum und ich habe keine Lust ihn ein Leben lang scheiße zu finden. Ich habe Lust an einem Spiegel vorbei zu gehen und bunte Bilder wunderbarer Künstler zu sehen, meinen Körper gerne anzugucken und stolz zu präsentieren. Das ist der Weg für den ich mich entschieden habe und mit dem ich glücklich bin. Das ist für mich der Weg der Wertschätzung, der Investition in mich selbst und in mein Selbstbild. Ich mag meine tätowierten Körperstellen 200% lieber als die untätowierten – und das ist okay. Ich zeige meine Tattoos gerne. Wer hätte gedacht, dass ich mal freiwillig was von meinem Körper zeige? Ich auf jeden Fall nicht.

Ja. Tattoos sind Luxus und nein, ganz bestimmt nicht jedermanns Sache. Tattoos haben aber eben auch einen viel tieferen Sinn, als sich als Teil einer gesellschaftlichen Gruppe erkennbar zu machen (wobei auch das etwas mit Identität zu tun hat und nicht vernachlässigt werden sollte), und dieser Sinn hat etwas mit Achtung vor dem eigenen Körper und Selbstwertgefühl zu tun. Und das heißt nicht, dass Tattoos die Heilformel für Menschen ist, die ihren Körper nicht mögen. Das heißt nur, dass es mein Weg ist, damit umzugehen – und da bin ich bestimmt nicht alleine.

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2 Gedanken zu „Ja, Mama, schon wieder.“

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